Der andere David: Promise will Kanadas Geheimwaffe in der K.-o.-Phase werden

Der andere David: Promise will Kanadas Geheimwaffe in der K.-o.-Phase werden

Sein Name lautet Promise – Versprechen. Heute klingt dieses Versprechen eher wie eine Prophezeiung.

Bereits bevor er den Rasen im BC Place in Vancouver betrat, um gegen die Schweiz anzutreten, verriet Kanadas Stürmer Promise David seinen Mitmenschen: Er werde in dieser Stadt ein Tor erzielen. Vor Monaten gestand er, er besitze eine „seltsame Fähigkeit“, vor einem Tor vorauszufühlen – „Ich weiß nicht, welches Spiel es sein wird, aber es wird in Vancouver passieren.“ In der 76. Minute am 24. Juni flog der Ball ins Schweizer Tor. Promise hielt Wort.

Am Abend unterlag Kanada dennoch mit 1:2 der Schweiz und verlor im letzten Gruppenspiel der Weltmeisterschaft die Tabellenführung in Gruppe B. Doch mitten in der Niederlage erzielte David sein erstes WM-Tor: In der 74. Minute kam er für Tajon Buchanan ins Spiel, traf mit seiner ersten Ballberührung und rollte den Ball ins Netz – noch bevor der Stadionsprecher die Wechselanzeige vollständig verlesen hatte.

Ein mustergültiger Abschluss durch den Mittelstürmer

Aus datentechnischer Sicht offenbarte das Duell einen markanten Effizienzunterschied. Die Schweiz erzielte mit 55 Prozent Ballbesitz bei 6 Torschüssen und 4 aufs Tor zwei Treffer; Kanada kam auf 13 Torschüsse und 7 aufs Tor bei 45 Prozent Ballbesitz, spielte in einer 4-4-2-Formation gegen das 4-2-3-1 des Gegners, griff häufiger an, konnte die Überlegenheit jedoch nicht in einen Sieg ummünzen. Davids Tor riss genau in diesem Dilemma aus „vielen Schüssen, wenigen Toren“ eine Bresche.

Das Tor entstand aus einer brillanten Kombination in der Luft. Luc De Fougerolles spielte aus der eigenen Hälfte einen weiten Diagonalpass, Nathan Saliba streckte den Körper, um den Ball zu kontrollieren, und brachte ihn per Volley-Flanke vor das Tor. Mit voller Geschwindigkeit heranstürmend duckte sich David tief und köpfte den Ball ins Netz – ein typisches Abschlussverhalten eines Mittelstürmers: Timing, Raum und Körpereinsatz in perfekter Harmonie.

Nach dem Spiel erklärte David seine Laufwege: „Als sich die Aktion entwickelte, positionierte ich mich bewusst leicht im Abseits, um mir ein paar Meter Spielraum zu schaffen, weil ich wusste, dass der Ball über die Flügel kommen würde. Saliba machte einen hervorragenden Lauf nach innen und berührte den Ball äußerst präzise. Als ich sah, dass er den Ball hatte, musste ich nichts mehr sagen – in dem Moment, als er den Blick hob und mich suchte, wusste ich, was er vorhatte. Da hatte ich nur zwei Optionen: zum nahen Pfosten gehen oder am fernen Pfosten warten.“

Diese Antizipation von Passlinien und des Blickfelds der Mitspieler ist genau das Maß, an dem sich technische Stürmer von jenen unterscheiden, die sich allein auf körperliche Begabung verlassen. Eine „Schein-Abseits“-Position nahe der Abseitslinie verschaffte den entscheidenden Beschleunigungsraum für den finalen Sprint.

Von Brampton nach Vancouver – über Kroatien und Malta

David wurde in Brampton, Ontario, geboren – wie Tajon Buchanan und Cyle Larin aus derselben Stadt. Der 2001 Geborene stammt mit nigerianischen Eltern; in jungen Jahren lebte er einige Jahre bei seinen Großeltern in Nigeria und kehrte im Alter von etwa sieben Jahren nach Kanada zurück. Fußball wurde schnell zu seiner Leidenschaft.

Toronto FC hatte diesen Jugendlichen in der Nachwuchsarbeit entdeckt, doch mit fünfzehn wurde er entlassen – der Klub hielt ihn für „nicht gut genug“. Danach führte ihn ein verschlungener Weg nach Malta, Estland, Kroatien und Belgien. Von Brampton bis zur kanadischen Nationalmannschaft – es gab keinen Abkürzungsweg.

2019, im Alter von 18 Jahren, wagte er den Sprung nach Europa. Ein Probetraining, das NK Trnje Zagrab, ein kroatisches Zweitligist, in den Vororten von Oakville organisierte, öffnete ihm eine Tür. Zwei Wochen später zog er nach Kroatien, doch diese Erfahrung entwickelte sich schnell zum Albtraum – die diskriminierende Haltung des lokalen Trainers ließ den jungen David im fremden Land weit mehr Druck erleben, als Fußball allein mit sich brachte.

Potenzial als K.-o.-Joker

Kanada, derzeit auf Platz 30 der FIFA-Weltrangliste, hat gegen die Nummer 19 der Schweiz bereits offensive Kreativität gezeigt, mit der es gegen starke Gegner mithalten kann. Davids Einwechslung brachte nach nur zwei Minuten den Treffer – seine Einsatzeffizienz ist bemerkenswert. In der K.-o.-Phase, wenn die Gegner an Kondition verlieren und die Abwehrreihen nachlassen, ist ein Stürmer, der sich in der Luft behauptet, das Spiel liest und über „First-Touch-Finish“-Qualitäten verfügt, genau die Waffe, die das Trainerteam am meisten wünscht.

Der Name Promise David war nie nur ein Zufall. In jener Nacht in Vancouver bewies er mit einem Tor: Auch Jugendliche, die von Academys aufgegeben wurden, können auf der WM-Bühne ihr eigenes Kapitel schreiben. Das K.-o.-Turnier steht bevor – Kanada braucht nicht nur mehr Schüsse, sondern jemanden, der Schüsse in Tore verwandelt – und Promise wartet darauf, sein Versprechen erneut einzulösen.

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