Der Streit um den WM-Torhüterposten bei Spanien bleibt eines der größten Themen abseits des Platzes, doch David Raya sagte auf der Pressekonferenz im Trainingslager in Chattanooga unmissverständlich, dass man bei der Torlinie von Spanien „jedem vertrauen kann, egal wer da steht“. Unai Simon gilt weithin als der wahrscheinlichere Starter im Eröffnungsspiel. Der Barcelona-Youngster Joan Garcia hat zwar mit der Mannschaft den La-Liga-Titel geholt, dürfte jedoch kaum die Stammrolle Simons bei den letzten drei großen Turnieren erschüttern – der Fokus der heimischen Medien liegt eher darauf, ob Garcia Simon ablösen kann, und weniger darauf, ob Raya nachrückt.
Rayas Worte setzen im Grunde den Ton für die Torhüterriege der Nationalmannschaft. Simon liefert seit seinem Debüt dauerhaft auf hohem Niveau, gewann mit dem Team die Nations League und die Europameisterschaft – Raya schwärmte in den höchsten Tönen. Zugleich machte er seine persönlichen Ziele klar: Im Verein das Maximum geben, in der Nationalmannschaft bestmöglich mitwirken, mit dem Ziel, dem Team den zweiten Stern zu sichern. Für einen 30-Jährigen, der den Großteil seiner Laufbahn in England verbracht hat, ist diese Aussage zugleich Respekt vor der Reihenfolge und ein unverzagtes sportliches Bekenntnis.
Zerlegt man Rayas Vereinssaison in konkrete Kennzahlen, ist die Argumentation alles andere als schwach: Drei Jahre bei Arsenal, dreimal in Folge die Golden Glove in der Premier League; in dieser Saison beendete er mit dem Team die 22-jährige Wartezeit auf den Meistertitel und zog nach 20 Jahren erstmals ins Champions-League-Finale ein – im Elfmeterschießen unterlag man gegen Paris Saint-Germain. Er selbst wertete die Saison als „persönlich sehr erfolgreich, kollektiv bemerkenswert“ – was im Wesentlichen seiner Leistung auf dem Platz entspricht. Die Statistiken zeigen, dass Barcelona in den jüngsten La-Liga-Spielen den Ballbesitz mehrfach über 60 Prozent hielt und die Schusszahlen dauerhaft hoch sind – dass Garcia in einer Meistermannschaft im Tor steht, ist kein Zufall.
Natürlich könnte De la Fuentes endgültige Entscheidung für Raya weiterhin eine heikle Lage bedeuten. Spanien liegt aktuell auf Rang zwei der FIFA-Weltrangliste – einen Platz schlechter als zuvor –, und nach drei 0:0-Unentschieden in Folge gegen England und Tschechien braucht das Zusammenspiel von Angriff und Abwehr noch Zeit. Simón hat die Nase vorn dank seiner Erfahrung bei großen Turnieren, García punktet mit hoher Anerkennung im eigenen Land, Raya bringt als Import die Visitenkarte einer Premier-League-Meistersaison mit. Jeder der drei hat seine Trumpfkarte – der Cheftrainer muss vor dem Anpfiff nicht alles festlegen.
Aus Zuschauersicht steht der Gruppenphasen-Fahrplan fest: Spanien trifft am Montag in Atlanta auf Kap Verde, anschließend warten in derselben Gruppe noch Saudi-Arabien und Uruguay. Wer von den Torhütern zuerst zwischen die Pfosten rückt, geht weit über die Frage der ersten 90 Minuten hinaus – es betrifft den Spielraum für Rotationen in der K.-o.-Phase, die mentale Ausgangslage beim Elfmeterschießen sowie das Zusammenspiel in der gesamten Abwehrkette. Unabhängig davon, wessen Name in der Startelf steht: Zumindest aus Rayas Perspektive gibt es in diesem Wettbewerb um den Posten im Tor keine Verlierer – erst wenn die Weltmeisterschaft beginnt, werden die Paraden für sich sprechen.