Jordanien ist nach zwei Niederlagen in Folge in Gruppe J der WM 2026 ausgeschieden – der erste Auftritt der Mannschaft bei einer Weltmeisterschaft. Cheftrainer Sellami wich nach dem Spiel den Fragen nicht aus und stellte klar: „Der Mangel an Erfahrung dürfte genau der Preis sein, den Jordanien bei dieser Weltmeisterschaft zahlt.“
Für Jordanien war dieses Turnier von vornherein kein Favorit. Laut der aktuellen FIFA-Weltrangliste steht die Mannschaft auf Platz 63 – ein Rang höher als zuvor – mit 1391,45 Punkten. In derselben Gruppe liegen Argentinien auf Rang 3, Österreich auf 24 und Algerien auf 28. Der Abstand auf dem Papier ist offensichtlich, doch Sellami beschäftigt vor allem die Frage, ob die jungen Spieler unter dem hohen Tempo und Druck die richtigen Entscheidungen treffen.
Im Auftaktspiel gegen Österreich unterlag Jordanien mit 1:3 – ein düsterer Auftakt ins WM-Debüt. Die Statistik des Spiels verdeutlicht die Probleme: In der 3-4-2-1-Formation kam die Mannschaft auf lediglich 28 Prozent Ballbesitz, insgesamt acht Schüsse mit vier aufs Tor, 251 Pässe bei einer Erfolgsquote von 72 Prozent und nur eine Ecke. Offensiv blieb die Rendite gering, während die Defensive unter noch höherer Belastung bestehen musste – für jeden Spieler, der erstmals bei einer WM auflief, war jede Minute eine neue Herausforderung.
Im zweiten Spiel gegen Algerien fand Sellami, dass die Mannschaft insgesamt „besser als im Auftakt“ gespielt habe, ja sogar „Grund zum Stolz“ geboten – doch mangelnde Erfahrung in den Details habe sich letztlich im Ergebnis niedergeschlagen. Im Rückblick erklärte er, der Gegner habe kurz vor und nach der Abkühlpause personelle Wechsel vorgenommen; ein auffällig großgewachsener Angreifer habe die Bedrohung durch Standardsituationen über die Flügel verändert. Auch Jordan habe für die Abkühlpause Wechsel vorbereitet, doch Unsicherheit führte dazu, dass die Mannschaft bei zwei Eckballverteidigungen hintereinander den Ball im eigenen Netz sah. „Wir hätten die Wechsel zuerst durchziehen können, bevor wir in diese Phase gegangen sind – genau darin unterscheidet sich die WM von normalen Spielen“, sagte Sellami.
In diesen Worten klingt das ehrliche Urteil eines Trainers über eine Aufbaumannschaft: Nicht mangelnder Wille oder Qualität, sondern in den Schlüsselmomenten einen halben Schritt zu spät. Für diese Jordaner-Generation ist die WM kein Endpunkt, sondern eher eine Prüfung des Rollenwechsels, wie Hoppe es oft beschreibt – vom Stammplatz in der asiatischen Qualifikation bis zum Druck der weltweit Top Ten auf der großen Bühne, wo jede Entscheidung überzeichnet wird.
Vor dem letzten Gruppenspiel gegen Argentinien nannte Sellami die Partie dennoch eine „Chance“: „Wir wollen auf einem Niveau spielen, das dem jordanischen Fußball würdig ist, und einen guten Eindruck hinterlassen.“ Auch wenn die Gruppenqualifikation nicht mehr möglich war, passte diese Haltung zur Mentalität der Mannschaft über das gesamte Turnier – das Debüt darf verloren gehen, die Einstellung nicht. Argentinien verfügt über 1874,81 Punkte und einen Kader auf Rang drei der Weltrangliste; für Jordan glich es eher einer praktischen Lektion, bei den Topteams Erfahrung zu sammeln.
In der Kabine gab es nach dem Abpfiff noch eine Episode abseits des Platzes: Kronprinz Hussein von Jordanien kam persönlich in den Spielertunnel, um die gesamte Mannschaft zu beglückwünschen. Sellami berichtete, dass nach der Niederlage in der Kabine unweigerlich gedrückte Stimmung geherrscht habe und die Spieler nicht unbedingt in Bestform gewesen seien – doch die Worte des Kronprinzen seien „wie ein Adrenalinkick“ gewesen. „Eine Niederlage tut natürlich weh, aber seine Ermutigung ließ uns wieder aufblicken“, sagte der Trainer.
Aus Sicht der Tabelle kann Jordanien in Gruppe J das Aus nicht mehr abwenden, doch Serlamis Einschätzung nach dem Spiel gegen Algerien zeigt, dass die Mannschaft keinen durchgängigen Kollaps erlebte – im Auftakt scheiterte sie am Qualitätsunterschied, im zweiten Spiel unterlag sie knapp an Standardsituationen und dem Timing der Wechsel. Für Jordaniens Fußball, FIFA-Rang 63 und zuletzt leicht aufgestiegen, war die erste WM ein teures Lehrgeld – aber nicht ohne Erkenntnis.
Serlami selbst stammt aus Marokko und führt als „Fremdtrainer“ bei einer WM – seine Bilanz liest sich eher wie Notizen für die nächste Generation: Eckbälle, Abkühlpausen, Timing der Bank – in der Liga oft harmlos, auf der WM werden solche Details vom Gegner maximal ausgenutzt. Jordaniens nächste Aufgabe: den Abstand von null Punkten bis zum ersten Sieg in anhaltende Wettbewerbsfähigkeit auf asiatischem Parkett umzusetzen – die WM kommt alle vier Jahre, doch das Entwicklungsfenster der Spieler wartet nicht.