Der 37-jährige belgische Mittelfeldspieler Vertonghen sagte in einem Flashscore-Interview, dass er die Weltmeisterschaft in seiner persönlichen Karriere wie eine „erste“ WM behandeln werde – denn es werde auch seine letzte sein. Der Veteran, der seit 2010 Stammspieler der Nationalmannschaft ist, wird als ältester Spieler des Kaders die Roten Teufel zur WM 2026 in Nordamerika führen.
Das „letzte Fenster“ der goldenen Generation
Für Belgien ist dieses Turnier nicht nur ein regulärer WM-Zyklus, sondern ein institutionelles Fenster vor dem kollektiven Abschied der „goldenen Generation“. Vertonghen absolvierte 138 Länderspiele und erlebte den dritten Platz bei der WM 2018 in Russland, das Vorrundenaus bei der WM 2022 in Katar sowie die Eliminierung durch Wales bei der EM 2016 – mehrere Momente, in denen es „knapp daneben“ war. Er sagte im Interview offen: „Ich werde diese WM so angehen wie 2014 in Brasilien, denn es ist meine letzte.“
Hinter dieser Aussage steht das Personalsproblem, dem der belgische Verband und Cheftrainer Rudi Garcia gemeinsam gegenüberstehen: Eine Gruppe zentraler Spieler, die in den 2010er-Jahren große Erwartungen weckten, hat ihr Talent bis heute nicht in einen großen Titel umgesetzt. Vertonghen, Thomas Meunier, Thibaut Courtois, Kevin De Bruyne und Romelu Lukaku gelten in der Öffentlichkeit als möglicherweise letzte Chance auf Titel bei diesem Turnier; gleichzeitig tragen junge Spieler wie Jeremy Doku und Charles De Ketelaere die Aufgabe, dem Team Tempo und Offensivkraft zu verleihen.
Die Kluft zwischen System und Erfolg
Belgien schwebt seit Langem zwischen dem Etikett „Top-Team“ und dem Fehlen von Titeln – das ist nicht allein eine Frage der Form einzelner Spieler, sondern das Ergebnis des Zusammenspiels von Turniermanagement, mentaler Stabilität in Schlüsselspielen und Kaderbreite. Das 0:1 im Halbfinale 2018 gegen den späteren Weltmeister Frankreich bereitet Vertonghen bis heute Bedauern; die Ausscheidung bereits in der Gruppenphase 2022 verstärkte den Druck der „Goldenen Generation“ zusätzlich. Die jüngsten FIFA-Rankings zeigen Belgien weiterhin auf Platz 9 mit 1734,71 Punkten, unverändert zur Vorrunde – die Papierform liegt nach wie vor im weltweiten Spitzenbereich, doch die Fähigkeit, bei großen Turnieren zu liefern, ist der Kernindikator für die Wirksamkeit der Mannschaftssteuerung.
Die Leistungen an den letzten Länderspieltagen spiegeln ebenfalls dieses „stabil, aber ohne Durchbruch“-Profil wider. Am 29. September und 6. Oktober 2026 spielte Belgien zweimal 0:0 gegen Frankreich und konnte sich gegen gleichwertige Gegner nicht durchsetzen – ein Hinweis darauf, dass der Mannschaft in Hochdrucksituationen noch der entscheidende Impuls fehlt. Dem stehen hingegen stärkere Dominanzphasen in einzelnen Testspielen gegenüber: Mit einer 4-2-3-1-Formation gelangen 27 Schüsse, 12 Torschüsse und 66 Prozent Ballbesitz bei einem 5:0-Sieg; in einem 3-4-2-1-System reichten trotz nur 43 Prozent Ballbesitz zwei Tore zum Sieg. Die Zahlen belegen, dass Belgien in unterschiedlichen taktischen Systemen siegen kann – doch in der WM-K.-o.-Phase, bei der ein einziges Spiel über Sieg oder Aus entscheidet, ist der Spielraum weit geringer als in Freundschaftsspielen.
Die Logik der Personal- und Positionsstruktur unter Garcia
In Rudi Garcias Kaderplanung hat das von Vertonghen betonte „Gleichgewicht“ eine klare taktische und organisatorische Bedeutung. Veteranen müssen nicht nur Ballgewinn und Spielaufbau auf dem Platz leisten, sondern in den geschlossenen Phasen von mindestens vier Wochen in Trainingslager und Mannschaftshotel auch die Stabilität in der Kabine und eine effiziente Informationsweitergabe sichern – im Turniermodus entspricht das einer informellen Steuerungsstruktur der Mannschaft.
Die Steuerungsfunktion der Veteranen
Witsel machte im Interview die Weitergabe von Erfahrung sehr konkret: „Ich bin nicht nur der Älteste – Lukaku, De Bruyne und Courtois werden auch langsam alt. Wir sind da, um es den jungen Spielern leichter zu machen.“ Diese Aussage zielt nicht auf ein simples „Alt hilft Jung“-Mantra, sondern auf die Rollenverteilung im WM-Kontext: Die neue Generation liefert Tempo und Schwung, die Veteranen lesen das Spieltempo, steuern die Emotionen in den Schlüsselphasen und reduzieren unerzwungene Fehler in der K.o.-Phase.
Für Witsel persönlich mit 37 Jahren widerspricht er dem Narrativ, dass er „nur noch Erfahrung“ hätte, und betont, dass er „noch mehr beitragen kann“. Auf der Position des defensiven Mittelfeldspielers bleiben seine Positionierung, Zweikampfstärke und Ballabgabe-Stabilität ein zentraler Knotenpunkt für Belgiens Umschaltspiel von der Defensive in die Offensive; wenn er in Nordamerika Verfügbarkeit und Form halten kann, bildet er mit De Bruyne und Courtois einen geschlossenen Erfahrungskern im Zentrum.
Vorbereitungsfenster unter dem nordamerikanischen Dreier-Hosting
Die WM 2026 wird von den USA, Kanada und Mexiko gemeinsam ausgetragen; langer Turnierzeitraum, viele Reisen und klimatische Unwägbarkeiten stellen höhere organisatorische Anforderungen an die Energieverteilung und medizinische Regeneration der Veteranen. Witsels Aussage, „nicht nur das Spiel, sondern auch das Training und jeden Moment mit den Teamkollegen zu genießen“, ist im Kern eine Antwort auf das in Großturnierzyklen übliche Problem einer „verbrauchenden Vorbereitung“ – wenn das gemeinsame Leben im Team zur Zusammenhalt wird, könnte Belgien psychologisch die Enttäuschungen von 2018 und 2022 ausgleichen.
Weitere Beobachtungspunkte
Ob Belgien unter García den Sprung von „Alt hilft Jung“ zu „Ergebnisse liefern“ schafft, hängt davon ab, ob drei Linien gleichzeitig stimmen: Gesundheit und Form von Courtois und De Bruyne, die Effizienz von Doku und De Ketelaere in Top-Duellen sowie ob Witsel und andere in der K.o.-Phase Erfahrung in Kontrolle in den entscheidenden Minuten umsetzen können. Für Witsel persönlich ist es nicht mehr nur die Frage, welche WM-Nummer es ist, sondern wie er seine letzte so rein und fokussiert wie eine „erste“ spielt – für den belgischen Fußball könnte es zudem die letzte Chance der Goldenen Generation sein, in vollständiger Formation um die höchsten Ehren zu kämpfen.