Englands Sorgen nach dem WM-Aufstieg: Überlappende Positionen im Angriff lassen Kanes Beteiligung einbrechen

Englands Sorgen nach dem WM-Aufstieg: Überlappende Positionen im Angriff lassen Kanes Beteiligung einbrechen

Gruppenergebnisse und aktuelle Lage

England erfüllte seine Aufgabe in der Gruppenphase der WM 2026 souverän: Sieg gegen Kroatien, Remis gegen Ghana und im letzten Gruppenspiel nach dem Sieg gegen Panama die Qualifikation für die K.o.-Runde. Aus Sicht der Tabelle und der Qualifikationssituation haben die Three Lions die Gruppenhürde genommen, doch die in der Schlusspartie sichtbaren Probleme in der Offensivstruktur werden zum unausweichlichen Fokus, wenn die Aussichten in der K.o.-Phase bewertet werden.

Derzeit steht England auf Platz vier der FIFA-Weltrangliste, unverändert gegenüber der letzten Ausgabe; Kroatien ist Elfter, Ghana vierundsiebzigster und zuletzt leicht abgerutscht, Panama stabil auf Rang dreiunddreißig. Im letzten Gruppenspiel gegen einen relativ niedrig eingestuften Gegner konnte England dennoch keine stabile Versorgung der Stürmerzentrale bieten, was die taktische Debatte rasch befeuerte.

Aufstellungsänderungen und Verletzungsfolgen im letzten Spiel

Im Spiel gegen Panama nahm Trainer Thomas Tuchel fünf Wechsel vor, wobei einige Änderungen direkt mit Sorgen über die Verletzungen von Declan Rice und Reece James zusammenhingen. Nachdem Rice ausfiel, zog sich Bellingham von seiner gewohnten Zehnerposition tiefer ins Mittelfeld zurück, während Morgan Rogers seine Rolle als Zehner übernahm.

Tuchel hatte zuvor für die Mannschaft im Ballbesitz eine Angriffsformation ausgelegt, die annähernd einer „Fünferkette im Vorfeld“ entsprach; an den Flügeln wurde das Spiel über Dreieckskombinationen aus Flügelspieler, Außenverteidiger und vorgeschobenem Mittelfeldspieler vorangetrieben. Da Rice und James ausfielen, musste dieses System in der letzten Runde neu zusammengestellt werden, wodurch die vertikale Staffelung im Mittelfeld und die Verzahnung mit der Unterstützung über die Außenbahnen ins Wanken gerieten.

Keine Touch-Daten spiegeln räumliche Enge wider

Am stärksten betroffen von der Veränderung war Kapitän Harry Kane. Der vielseitige Mittelstürmer ist es gewohnt, durch tiefes Anlaufen und Annahmen das Spiel zu verbinden, doch Rogers und Bellingham forderten den Ball in ähnlichen Zonen häufig – und drückten ihm so objektiv den Raum weg. In der ersten Halbzeit gegen Panama hatte Kane im Strafraum nur eine Ballberührung; außerhalb des Strafraums kam er insgesamt nur zehnmal an den Ball. Gegen Ghana zuvor hatte er im gesamten Spiel lediglich zwanzig Ballkontakte – für den gefährlichsten Abschlussspieler der Mannschaft ist eine solche Beteiligung offensichtlich zu gering, um dauerhaft Wirkung zu entfalten.

Neben Rogers und Bellingham rückte mitunter auch Nico O’Reilly in dieselbe Zone vor; in früheren Partien hatte Rice ähnliche vorgeschobene Aufgaben übernommen. Mehrere Spieler stapelten sich in derselben vertikalen Zone, sodass Kane selbst beim Zurückziehen kaum klare Anspieloptionen fand und die Rollengrenze zwischen der Zehnerposition und dem Mittelstürmer verschwamm.

Carraghs Vorschläge für taktische Anpassungen

Liverpool-Legende Jamie Carragher ist der Ansicht, dass Bellingham nach Rices Rückkehr eine weiter vorn liegende Position räumen sollte, um Kane sowie einem echten Zehner vertikalen Raum zu verschaffen. Eine von ihm vorgeschlagene Variante sieht Rice und Elliott Anderson als Doppelsechs vor, wobei Rice die tiefere defensive Organisationsaufgabe übernimmt – und so die vertikale Staffelung im Mittelfeld wieder in Ordnung bringt.

Carragher wies zugleich darauf hin, dass Panama in der letzten Runde zahlreiche Konter starten konnte und Anderson beim Umschalten in die Defensive mehrfach Lücken offenbarte; gegen stärkere Gegner könnte England dafür bezahlen. Würde Rice auf eine der beiden Sechs-Positionen zurückfallen, liefe die Verbindung zwischen Kane und Bellingham im Vorfeld möglicherweise flüssiger – doch das würde bedeuten, dass Tuchel seine ursprüngliche Angriffsidee revidieren müsste, die stark auf fünf Spieler im Vorfeld setzte.

Wenn Kane aktiv zurückfällt, müssen die Flügelspieler mehr Verantwortung übernehmen, direkt in den Strafraum vorzustoßen. Carragher nannte Michael Olise und Luis Díaz — Kanes Partner bei Bayern München — als Beispiele und betonte, dass Spitzenflügelspieler beim tiefen Fallen des Mittelstürmers synchron nachrücken müssen, um Gefahr zu erzeugen; bei einigen Flügelspielern im englischen Kader gibt es an diesem Punkt noch Luft nach oben.

Neubewertung des Systems vor der K.o.-Runde

England ist bereits qualifiziert, doch die in der Schlussphase der Gruppenphase offengelegten Probleme sind struktureller Natur: Mehrere Spieler in der Offensive fordern den Ball in denselben Zonen, der Mittelstürmer ist zu wenig eingebunden, die defensive Abdeckung in Umschaltmomenten ist instabil. Das System, das Tuchel für schnelle, direkte Flügelspieler maßgeschneidert hat, entfaltet bei voller Mannschaftsstärke Durchschlagskraft, wirkt aber bei Ausfällen zentraler Mittelfeldspieler und Außenverteidiger eindimensional.

Gegner in der K.o.-Runde werden nicht mehr so viel Spielraum gewähren wie Panama. Wenn es nach Rice' Rückkehr nicht gelingt, die Positionsaufteilung von Bellingham, Rogers und Kane neu zu klären und den Schutz im Sechserraum zu stärken, könnten die Three Lions trotz ihrer auf dem Papier führenden Stärke in entscheidenden Momenten erneut jenes Dilemma aus dem letzten Gruppenspiel erleben – der Ball erreicht den Kapitän nicht. Die Qualifikation ist nur der erste Schritt; die Dringlichkeit der Systemabstimmung ist keineswegs geringer als das nächste K.o.-Spiel selbst.

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