Problem: Wie Sportplattformen Verantwortung für gesellschaftliche Themen übernehmen
Im Mai 2026 wurden zwei Mitglieder des ScoreZ-Marketingteams, Ivor Borovečki und Šime Kero, beim 12. Dani komunikacija-Kreativkommunikationsfestival in Rovinj, Kroatien, in der Kategorie „Marketing Professionals“ des Young Lions Croatia 2026 als Sieger ausgezeichnet. Das Duo setzte sich gegen Teams von Atlantic Grupa, A1 Hrvatska und anderen durch und verschaffte der fußballdatenorientierten Plattform eine brancheninterne Auszeichnung mit institutioneller Symbolkraft.
Der Wettbewerb war keine gewöhnliche Werbepreisvergabe. Young Lions Croatia feierte bereits seine 10. Auflage; 2026 fand sie am 21. und 22. Februar im Innovation Center in Zagreb statt. Gerichtet an Fachkräfte bis 30 Jahre, mussten Zweierteams innerhalb von 24 Stunden ohne externe Unterstützung ein echtes Briefing für einen gemeinnützigen Zweck bearbeiten. Kunde in diesem Jahr war die zivilgesellschaftliche Organisation Sigurna Mjesta (Safe Places); die Aufgabe zielte direkt auf den Umgang mit Belästigung auf der Straße: die Bekanntheit der App Safecity steigern und Nutzer dazu bewegen, über die App Meldungen einzureichen.
Agitate: Strukturelle Spannungen zwischen männlich dominierter Zielgruppe und dem Thema geschlechtsspezifische Gewalt
Das von Borovečki und Kero eingereichte Konzept trägt den Namen „Sviraj kraj nasilju“ (Sag Nein zu Gewalt). Die zentrale Erkenntnis geht über einen Slogan hinaus: Im Sportalltag gibt es verbale Gewalt, und Schiedsrichterinnen sehen sich oft stärkerer Aggression gegenüber als die meisten Akteure auf dem Platz – ein Befund, der im Kontrast zur Sicherheit von Frauen im öffentlichen Raum in Kroatien und darüber hinaus steht.
Die visuellen Symbole der Kampagne haben ebenfalls politischen Kommunikationswert – zwei offene Taschen stehen nebeneinander: eine gehört einem Schiedsrichter, eine einer gewöhnlichen Frau; in beiden liegen eine Pfeife und eine Spraydose. Für die namhafte kroatische Fußballschiedsrichterin Ivana Martinčić ist das Berufsausrüstung; für unzählige Frauen ein Alltagswerkzeug zur Selbstverteidigung. Die Idee stellt „Regeln auf dem Platz“ und „Sicherheit auf der Straße“ in denselben Erzählrahmen und zeigt, dass das Sport-Diskursfeld grundsätzlich auch für öffentliche Themen jenseits des Ergebnisses genutzt werden kann.
Für ScoreZ liegt die Herausforderung darin, dass die Nutzerbasis vor allem aus männlichen Fans besteht. Bleibt es bei Markenpräsenz allein, verflachen Briefings mit gesellschaftlichem Anspruch leicht zur reinen Fassade; das Team setzte deshalb auf eine Videoreihe mit Martinčić, die ihre Erfahrungen auf und neben dem Platz zeigt, und plant die Umsetzung über den App-Feed, eine eigene Schiedsrichter-Profilseite auf der Plattform, eine YouTube-Serie sowie ein kroatisches Instagram-Konto – um die Diskussion auf die konkrete Nutzung von Safecity zu lenken. Das entspricht im Grunde einem institutionellen Kanal, der „Zuschauer-Traffic“ in „Bürger*innen-Meldungen“ (civic reporting) überführt.
Solution: Vom Kreativwettbewerb zum Governance-Vorbild für die Branche
Aus Sicht der Wettbewerbsorganisation verlangen die Young Lions mit ihrem 24-Stunden-Zeitlimit, echten Briefings für Non-Profit-Organisationen und Teams aus jungen Talenten verschiedener Institutionen im Kern, ob öffentliche Kommunikation unter Druck faktengebunden und handlungsorientiert bleiben kann. Dass ScoreZ als Sportdaten-Plattform mitmacht und gewinnt, sendet das Signal: Die Marketingkompetenz von Sportunternehmen wird in einen breiteren gesellschaftlichen Governance-Werkzeugkasten aufgenommen – nicht mehr nur der kommerziellen Conversion dienend.
Martinić tritt auch als Schiedsrichter in Erscheinung und berührt damit langjährige Fragen der Fußballverwaltung – Schiedsrichterautorität, verbale Angriffe und geschlechtsspezifische Unterschiede. Der kroatische Fußballverband und die UEFA betonen in den letzten Jahren immer wieder den Schutz und die Achtung von Schiedsrichtern, doch Belästigungen außerhalb des Platzes, die Frauen betreffen, sind weiterhin auf Civic Tech und Bürgerinitiativen angewiesen. Das von Sigurna Mjesta vorangetriebene Safecity-Modell, kombiniert mit dem Traffic von Sportplattformen, bietet einen Weg der „grenzüberschreitenden Mobilisierung“: Es ersetzt weder Strafverfolgung noch Gesetzgebung, kann aber die Sichtbarkeit von Meldungen und die öffentliche Wahrnehmungsschwelle erhöhen.
Die Auszeichnungen wurden während der Dani komunikacija verliehen, die vom 7. bis 10. Mai stattfindet und ein wichtiger Termin für Kroatiens Kreativ- und Kommunikationsbranche ist. Gemäß den Gepflogenheiten des internationalen Young-Lions-Systems erhält der kroatische Regionalmeister in der Marketing-Kategorie in der Regel die Qualifikation für die Jugendkategorie der Cannes Lions – was bedeutet, dass „Sviraj kraj nasilju“ einer noch strengeren internationalen Fachjury unterliegt. Ob die Kampagne ihre kreative Wucht beibehält und gleichzeitig die Kommodifizierung von Opfererfahrungen vermeidet, wird in der nächsten Phase im Fokus stehen.
Für heimische Sportplattformen und Verbände liefert der Fall drei Lehren: Erstens, ob gemeinnützige Kurzmeldungen sich natürlich mit Kerngeschäftsszenarien (Spielpläne, Schiedsrichter, Spielerdaten) verbinden lassen, statt Etiketten nur anzukleben; zweitens, wie von Männern dominierte Communities Themen setzen können, ohne ins Moralisieren abzurutschen; drittens, ob nach dem Kreativpreis bei Safecity-Meldungen, App-Downloads und Nutzerbindung nachweisbare Veränderungen auftreten – darüber entscheidet sich, ob es ein einmaliger PR-Erfolg oder ein reproduzierbares Kooperationsmodell aus „Sport + Civic Tech“ ist.
Der Sieg von Borovecki und Keiro wirkt auf den ersten Blick wie das Ergebnis eines Kreativduells im Marketing – dahinter steht jedoch die Frage, wo Sportmedien im digitalen Zeitalter ihre Grenzen ziehen: Wenn Spielstände, Rot- und Gelbkarten sowie Schiedsrichter-Profilseiten zum täglichen Einstieg werden, müssen Plattformen entscheiden, ob und inwieweit sie diese Zugänge nutzen wollen und können, um ein sichereres öffentliches Leben zu fördern. Das ist längst keine reine KPI der Markenabteilung mehr, sondern eine Prüfungsfrage für gemeinsames Governance zwischen Sportinstitutionen und gesellschaftlichen Organisationen.